Wie gelingt Arbeitsmarktintegration für Bezieher:innen von Sozialhilfe?

Vielfältige Expertise

Die Sozialplattform OÖ lud in Kooperation mit der Arbeiterkammer Oberösterreich am 21. September zum „Dialogforum: Arbeitsmarkt(re-)integration von Sozialhilfebeziehenden“ ein. Auf sozialpolitischer Ebene versteht sich die Sozialplattform OÖ als zentrale Interessensvertretung für die Kernthemen gesellschaftliche Teilhabe, Existenzsicherung und Arbeit. Eine Vielzahl der Mitgliedsorganisationen der Sozialplattform OÖ sind immer wieder mit Fragen der Existenzsicherung ihrer Klient:innen und Kund:innen über Sozialhilfe befasst. Deshalb ist das Thema Sozialhilfe für die Sozialplattform OÖ ein wiederkehrender Gegenstand fachlicher und gesellschaftspolitischer Auseinandersetzung, wie Simone Diensthuber (Vorstandsvorsitzende der Sozialplattform OÖ) bei ihrer Begrüßung betonte.

Die Veranstaltung widmet sich Fragen zur Teilhabe am Arbeitsmarkt von Menschen mit Sozialhilfebezug. Dieses herausfordernde Thema befasst Menschen in Oberösterreich in verschiedenen Tätigkeitsbereichen, was sich auch im Teilnehmer:innenkreis widerspiegelte.

„Uns ist es gelungen sowohl bei den Referentinnen als auch beim Kreis der Teilnehmenden vielfältige Expertise zur Sozialhilfe zusammen zu bringen. Mitarbeitende aus Sozialorganisationen und Bezirksverwaltungsbehörden, des Arbeitsmarktservice Oberösterreich und des Landes OÖ/ Abteilung Soziales brachten ihre Expertise und verschiedene professionelle Blickwinkel auf Fragen rund um die Arbeitsmarktintegration das Dialogforum ein.“ Simone Diensthuber (Sozialplattform Oberösterreich)

Simone Diensthuber am Podium
Simone Diensthuber

40% der Beziehenden sind arbeitsfähig

Bei der Frage der Arbeitsmarkt(re-)integration von Sozialhilfebeziehenden ist wichtig zu berücksichtigen, dass überhaupt nur ca. 40% der Personen mit Sozialhilfebezug arbeitsfähig sind. Der Rest befindet sich z.B. in Ausbildung (Kinder und Jugendliche), ist aus gesundheitlichen Gründen arbeitsunfähig oder in Regelpension. Pia Kühtreiber-Rath (Land OÖ/ Abteilung Soziales) präsentierte beim Dialogforum vertiefende statistische Daten zum Sozialhilfebezug in Oberösterreich und zur Subgruppe der arbeitsfähigen Sozialhilfebeziehenden.

Besonderer Fokus auf Case Management

Für den arbeitsfähigen Teil der Sozialhilfebeziehenden gilt, dass sie laut § 12 Oö. SOHAG eine dauernde Bereitschaft zum Einsatz der Arbeitskraft sowie die Bereitschaft, sich für die Vermittelbarkeit am österreichischen Arbeitsmarkt zu qualifizieren, nachweisen müssen. Arbeitsfähige Personen müssen sich u.a. dem AMS zur Verfügung stellen, Arbeitssuchbemühungen nachweisen oder am Case Management teilnehmen.

Das Case Management Angebot für Sozialhilfebeziehende stellten Karin Spatzenegger (Projektleiterin, B7 Arbeit und Leben) und Monika Hochreiter (FAB Oberösterreich) vor. Beide Mitgliedsorganisationen der Sozialplattform OÖ bieten – neben dem OÖ Hilfswerk – diese gezielte und individuelle Betreuung für arbeitsfähige Sozialhilfebeziehende in Oberösterreich an, um insbesondere bei mit komplexen und vielschichtigen Problemlagen „Hilfe zur Selbsthilfe“ zu unterstützen und damit auch Chancen auf eine erfolgreiche Integration in den Arbeitsmarkt zu verbessern.

Arbeitsfähige Sozialhilfebeziehende werden von der Bezirksverwaltungsbehörde zu einem Screening zu einem der regional zuständigen Träger (B7 Arbeit und Leben, FAB Oberösterreich, OÖ Hilfswerk) zugewiesen. Beim Screening werden individuelle Problemlagen sowie Ziele und Stärken der Personen beleuchtet und im Anschluss je nach Unterstützungsbedarf individuelle Folgeschritte plant. Bei Personen mit multiplen Problemlagen ist eine grundsätzlich 6-monatige intensive Begleitung mit regelmäßigen Terminen mit einer fixen Bezugsbetreuung vorgesehen. In diesem Prozess gibt es Clearingstellentreffen des Case Managements mit dem AMS und der Bezirksverwaltungsbehörde, um die jeweiligen Perspektivenplanung abzustimmen. Diese Besprechungen sind eine wichtige Grundlage dafür, im Bereich Arbeitsmarktintegration klare Rahmenbedingungen für die Sozialhilfebeziehenden zu schaffen.

„Ich schätze das Case Management als fundiertes wissenschaftliches Handwerk: Im Zentrum steht dabei nicht der Fall, sondern der Mensch, der genau dort abgeholt wird, wo er steht, um sich mit Unterstützung individuell zu entwickeln.“ Karin Spatzenegger (B7 Arbeit und Leben)

„Case Management entfaltet seine Wirkung dort, wo unterschiedliche Systeme ineinandergreifen. Die abgestimmte Zusammenarbeit von Behörden, Arbeitsmarktakteuren, Gesundheitsversorgung und sozialen Einrichtungen schafft aus komplexen Problemlagen tragfähige Perspektiven.“ (Monika Hochreiter, FAB Oberösterreich)

Potenziale erkennen

Iris Schmidt, Landesgeschäftsführerin des Arbeitsmarktservice Oberösterreich, beleuchtete die Rolle des Arbeitsmarktservice bei der Arbeitsmarkt(re-)integration von arbeitsfähigen Sozialhilfebeziehenden. Ausgehend von einer Standortbestimmung werden vom AMS OÖ Stabilisierungs- und Qualifizierungsbedarfe identifiziert. Dem Arbeitsmarktservice Oberösterreich stehen bei der beruflichen Integration eine Reihe von Instrumenten (z.B. Eingliederungsbeihilfe, Beschäftigungsprojekte) zur Verfügung und auch strukturierter Kontakt zu Betrieben in ganz Oberösterreich kann über das AMS OÖ hergestellt werden.

Landesgeschäftsführerin Iris Schmidt (AMS OÖ) betonte in ihren Ausführungen: „Sozialhilfebezieher:innen bringen unterschiedliche Voraussetzungen mit. Entscheidend ist, Potenziale zu erkennen und passgenaue Wege in Beschäftigung zu eröffnen. Nachhaltige Integration gelingt dort, wo Unterstützung an den individuellen Bedarf anknüpft.“

Iris Schmidt am Podium
Iris Schmidt, AMS OÖ

Individuelle Wege in den Arbeitsmarkt

Mit Stand Ende August hatten knapp 48% der 2.172 beim AMS vorgemerkten Sozialhilfebeziehenden eine gesundheitliche Einschränkung. Im zweiten Teil des Dialogforums nahmen stand die besondere Situation von Menschen mit gesundheitlichen Problemlagen bei der Arbeitsmarktintegration im Fokus. Iris Woltran (Arbeiterkammer OÖ) moderierte den interessanten Talk mit Iris Schmidt (AMS OÖ), Monika Hochreiter (FAB Oberösterreich), Anna Baumüller (EXIT-sozial) und Claudia Böberl (Verein SAUM).

EXIT-sozial ist ein gemeinnütziger Verein für psychosoziale Dienste in Oberösterreich, dessen Klient:innen auch über Sozialhilfe ihre Existenz absichern müssen. Anna Baumüller (fachliche Geschäfsführerin von EXIT-sozial) sprach in einem ihrer Beiträge an, wie wichtig es ist, auf individuelle Belastungsgrenzen bei der Arbeitsmarktintegration Rücksicht zu nehmen und passende Arbeitsmöglichkeiten z.B. Teilzeit oder mit Rückkehrmöglichkeiten in geschützte Arbeitsformen breit zu denken: „Der Druck, der auf Menschen mit psychischen Erkrankungen lastet, führt häufig zu Angst und großer Unsicherheit. Dadurch können sich psychische Symptome zusätzlich verstärken. Was diese Menschen brauchen, sind Zeit und die Möglichkeit, sich schrittweise wieder an Arbeit annähern zu können.“

Claudia Böberl, Geschäftsführerin des Verein SAUM, berichtete von ihren Erfahrungen in den vielfältigen Ausbildungs- und Beschäftigungsangeboten des Vereins. Sie erzählt von Erfolgen: Wenn es gelingt vor allem jenen mit multiplen Problemlagen Selbstwirksamkeitserfahrungen zu ermöglichen und sowohl die Sozialhilfebeziehenden als auch die Betriebe auf ein Dienstverhältnis vorzubereiten. Wichtig sei auch, Firmen bei Problemen Ansprechmöglichkeiten zu bieten. Gerade die vielfältige arbeitsmarktintegrative Angebotslandschaft in OÖ, wie z.B. Sozialökonomische Betriebe oder Angebote der Überbetrieblichen Lehrausbildung haben wir eine fundierte Expertise die Schritte in den Arbeitsmarkt zu unterstützen, wie Claudia Böberl ausführt: „Nachhaltige Integration braucht mehr als schnelle Lösungen. Sie entsteht, wenn Menschen Zeit, verlässliche Begleitung und die Möglichkeit erhalten, ihre Fähigkeiten Schritt für Schritt weiterzuentwickeln. Der Verein SAUM zeigt mit seiner Arbeit, wie aus individueller Unterstützung neue Perspektiven und echte Teilhabe entstehen können.“

Neben der Betonung, wie wichtig – gerade für Personen mit gesundheitlichen Problemlagen – individuell passende (Re-)Integrationsschritte in den Arbeitsmarkt sind, wurde als zentrale Herausforderung in der Praxis der unterschiedliche Blick auf Arbeitsfähigkeit erachtet: Je nach System (z.B. PVA, ÖGK, AMS) und rechtlicher Grundlage können unterschiedliche Einschätzungen und Gutachten entstehen, was zu Mehrfachbegutachtungen und für Menschen mit Sozialhilfebezug zu Unsicherheiten führen kann. Daneben wird immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Lücke zwischen formaler Arbeitsfähigkeit und tatsächlicher Beschäftigungsfähigkeit bzw. Beschäftigungsmöglichkeit (Arbeitsangebot) entstehen kann.

oö. Soziallandschaft unterstützt vielfältig

Stefan Thurner, Geschäftsführer der Sozialplattform OÖ, griff beim Abschluss der Veranstaltung nochmals die Rolle und Expertise der Mitgliedsorganisationen der Sozialplattform OÖ, die Sozialhilfebeziehende begleiten, auf: „Wer mit mehreren sozialen, gesundheitlichen oder persönlichen Problemlagen gleichzeitig konfrontiert ist, braucht individuelle Unterstützung statt standardisierter Lösungen. Die oberösterreichische Soziallandschaft verfügt über eine große Vielfalt an spezialisierten Angeboten, die genau hier ansetzen. Diese Strukturen müssen wir nutzen und stärken, damit aus der Feststellung ‚arbeitsfähig‘ auch eine echte Perspektive auf Teilhabe und Beschäftigung werden kann.“

Wir bedanken uns bei der Arbeiterkammer OÖ für die gute Zusammenarbeit bei dieser Veranstaltung.

Stefan Thurner am Podium
Stefan Thurner

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