Sozialplattform OÖ warnt vor gravierenden Folgen
Offener Brief fordert Planungssicherheit und klare Zukunftsperspektive für arbeitsmarktpolitische Angebote
Kürzungen zwischen 25 % und 30 % im AMS-Förderbereich setzen zentrale arbeitsmarktpolitische Angebote in Oberösterreich massiv unter Druck. Die Sozialplattform Oberösterreich, Netzwerk von 46 sozialen Organisationen und Dachverband der arbeitsmarktpolitischen Träger in OÖ, reagiert darauf mit einem offenen Brief an Vertreter:innen der Bundes- und Landespolitik, das AMS sowie weitere zentrale Akteur:innen auf Landesebene.
Während in der Budgetrede von Zusatzmitteln für die aktive Arbeitsmarktpolitik gesprochen wurde, sind Kürzungen die Realität. Aktuell berichten in Oberösterreich 14 Sozialorganisationen mit arbeitsmarktintegrativen Angeboten von Kürzungen mit einem Gesamtvolumen von über 13,5 Millionen Euro für die Jahre 2026/2027. Betroffen sind Beschäftigungsprojekte*, Beratungsangebote und Frauenberufszentren.
Das AMS Frühwarnsystem wird von mehreren Sozialorganisationen ausgelöst. Nach aktueller Einschätzung sind mindestens 100 qualifizierte Mitarbeiter:innen von Kündigungen betroffen.
Die notwendigen Veränderungen und Schließungen der Angebote haben gravierende Folgen für arbeitssuchende Menschen, die nun keine oder nur noch deutlich eingeschränkte Unterstützung beim (Wieder-)Einstieg in den Arbeitsmarkt erhalten, z.B. bei der Berufsorientierung, bei digitalen Suchstrategien nach offenen Stellen oder beim Abbau von gesundheitlichen Vermittlungshemmnissen. Gerade für die steigende Langzeitarbeitslosigkeit wären aber ausreichende Angebote notwendig. Fast ein Drittel der beim AMS OÖ arbeitslos gemeldeten Personen gilt als langzeitbeschäftigungslos (Mai 2026, 11.271 Personen sind ein Jahr oder länger arbeitslos, + 18,2% im Vergleich zum Vorjahr).
Weniger Unterstützung – weitreichende Folgen
Aus Sicht der Sozialplattform OÖ führen die Einschnitte zu einem deutlichen Qualitäts- und Wirksamkeitsverlust der arbeitsmarktpolitischen Angebote
- Individuelle, maßgeschneiderte Beratung und Begleitung werden reduziert
- Unterstützungsangebote für arbeitslose Menschen werden eingeschränkt
- Regionale Strukturen als Leistungserbringer für Gemeinden, Unternehmen und Privatpersonengeraten unter Druck
- Bewährte Maßnahmen zur Integration in den Arbeitsmarkt verlieren an Wirkung
Die Konsequenzen betreffen nicht nur die unmittelbar betroffenen Menschen, sondern haben Auswirkungen auf den gesamten Wirtschafts- und Sozialraum
„Wir stehen vor strukturellen Einschnitten“
„Die geplanten Kürzungen gehen weit über einzelne Projekte hinaus. Wir stehen vor strukturellen Einschnitten, die sich auf die gesamte arbeitsmarktpolitische Landschaft in Oberösterreich nachhaltig negativ auswirken werden“, betont Stefan Thurner, Geschäftsführer der Sozialplattform Oberösterreich.
„Die Kürzungen, in deren Folge bei B7 Arbeit und Leben 32 Prozent des Personals im AMS-Kontext ihren Job verlieren, bleiben nicht ohne Folgen für die Qualität der Betreuung. Für die Kundinnen und Kunden heißt das: Statt einer persönlichen Begleitung bei ihren oft komplexen Hürden in den Arbeitsmarkt bleibt nur noch Zeit für Lebenslaufgestaltung, Kompetenzerfassung und ‚Mein AMS‘ – und das ist eindeutig zu wenig“, erklärt Ulrike Würzburger, Geschäftsführerin B7 Arbeit und Leben.
„Die massiven Kürzungen im arbeitsmarktpolitischen Budget treffen Oberösterreich genau dort, wo Unterstützung in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit am dringendsten gebraucht wird. Gleichzeitig führen die Einsparungen zu erheblicher Verunsicherung innerhalb der Trägerorganisationen: Hochqualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wandern ab, weil Planungssicherheit und langfristige Perspektiven fehlen. Kurzsichtige Budgetentscheidungen gefährden damit nicht nur Angebote für Arbeitssuchende, sondern auch die Stabilität und Expertise jener Strukturen, die seit Jahren erfolgreich wirken“, erläutert Günther Dachs, Geschäftsfeldleitung FAB Sozialbetriebe.
„Für uns als Trägerorganisation bedeuten diese massiven Kürzungen nicht nur eine budgetäre Herausforderung, sondern in erster Linie drastische Einschnitte in Angebote, die Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen beim Wiedereinstieg in Arbeit unterstützen. Wir brauchen jetzt zumindest Planungssicherheit – für die über 1.000 arbeitslosen Menschen mit psychischen Problemen, für viele unserer Mitarbeiter:innen, die wir nun leider kündigen müssen und für die Weiterentwicklung bewährter arbeitsmarktpolitischer Strukturen. Wenn Angebote in dieser Größenordnung kurzfristig reduziert werden, gehen nicht nur viele Arbeitsplätze verloren, sondern auch Erfahrung, regionale Verankerung und wirksame Unterstützung für jene Menschen, die sie besonders brauchen“, betont Gernot Koren, Geschäftsführer pro mente OÖ.
Auswirkungen auf Wirtschaft, Regionen und Sozialsystem
Die Sozialplattform OÖ weist darauf hin, dass die Folgen der Kürzungen weit über den AMS-Kontext hinausreichen:
- geringere Unterstützung für Unternehmen bei der Arbeitskräfteintegration
- drohende Schließungen regionaler Standorte
- Rückzug von Angeboten aus ländlichen Regionen
- steigende Folgekosten im Sozial- und Gesundheitsbereich
- Verlust von Arbeitsplätzen innerhalb der Trägerorganisationen
„Was kurzfristig eingespart wird, wird mittel- und langfristig mehrfach wirksam – mit entsprechenden Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft“, so Thurner.
„Arbeitsmarktpolitik ist immer auch Sozial- und Gesundheitspolitik. Wenn Unterstützung reduziert wird, steigen an anderer Stelle die Folgekosten – für Betroffene ebenso wie für das gesamte System“, ergänzt Simone Diensthuber, Vorstandsvorsitzende der Sozialplattform Oberösterreich und Geschäftsführerin des IAB.
Forderungen: Planungssicherheit und klare Perspektive
Im offenen Brief formuliert die Sozialplattform OÖ zentrale Forderungen:
- Planungssicherheit bis Ende 2027 für Trägerorganisationen und Beschäftigte
- Entwicklung und Kommunikation eines klaren Zukunftsbildes für die arbeitsmarktpolitischen Angebote in Oberösterreich
- Einbindung der Trägerorganisationen in strategische Entscheidungsprozesse
Ziel sei es, gemeinsam tragfähige Lösungen zu entwickeln und bewährte Strukturen zu sichern.
Appell: Langfristige Auswirkungen mitdenken
Mit dem offenen Brief will die Sozialplattform OÖ die Aufmerksamkeit auf die langfristigen Folgen der aktuellen Budgetentscheidungen lenken und lädt zu einem konstruktiven und lösungsorientierten Vorgehen ein: „Wir teilen das Ziel, öffentliche Mittel wirksam, treffsicher und verantwortungsvoll einzusetzen. Gerade deshalb warnen wir davor, bewährte arbeitsmarktpolitische Angebote pauschal zu kürzen. Wer Beratung, Beschäftigung und individuelle Begleitung reduziert, spart nicht effizient, sondern schwächt jene Strukturen, die Menschen nachhaltig in Arbeit bringen“, so Diensthuber.
Oder, wie es im offenen Brief heißt:
„Wer heute Unterstützung kürzt, zahlt morgen doppelt.“
Presseaussendung