ein Beitrag von Sandra Schimpl-Heu BSc MSSc
Projektleitung Technische Assistenz, Jugend am Werk GesmbH
Assistive Technologien als Schlüssel zur inklusiven Arbeitswelt
Die Integration von Menschen mit Behinderungen in den primären Arbeitsmarkt stagniert trotz Fachkräftemangel. Während für Seh- und Hörbeeinträchtigungen bereits etablierte Lösungen existieren, bleibt das Potenzial für körperliche oder neurologische Einschränkungen oft ungenutzt. Das innovative Konzept der „Technischen Assistenz“ von der Jugend am Werk GesmbH setzt genau hier an: durch maßgeschneiderte technologische Lösungen und proaktives Case Management.
Eine Schere, die sich nicht schließt
Trotz insgesamt positiver Arbeitsmarktentwicklungen zeigt sich eine strukturelle Disparität: Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Behinderungen sinkt deutlich langsamer als jene von Personen ohne Beeinträchtigung. Daten des Arbeitsmarktservice (AMS) weisen zudem darauf hin, dass die durchschnittliche Dauer der Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe etwa doppelt so hoch ist. Ein zentraler Grund liegt in fortbestehenden physischen und prozessualen Barrieren. Diese werden in der betrieblichen Praxis häufig als unveränderliche Hindernisse interpretiert – obwohl sie in vielen Fällen durch gezielte technische Interventionen adaptierbar wären. Genau an diesem Punkt setzt die Technische Assistenz an.
Vom Hindernis zum Interface
Der Kern des Konzepts liegt in der Erkenntnis, dass moderne Arbeitsplätze hochgradig modularisierbar sind. Wo konventionelle Beratung an Grenzen stößt, setzt die technische Assistenz an der physischen und digitalen Schnittstelle an:
- Spezialisierte Eingabesysteme:
Individuelle Anpassung von Steuerungs- und Interaktionsformen, etwa durch Eye-Tracking, Mundmaus-Systeme oder alternative Tastaturlösungen, die auch komplexe Softwarebedienung ermöglichen. - Ergonomische Individual-Lösungen:
Einsatz additiver Fertigung (z. B. 3D-Druck), um passgenaue Halterungen, Greifhilfen oder Arbeitsplatzanpassungen zu entwickeln, die exakt auf die motorischen Fähigkeiten der Nutzer:innen abgestimmt sind. - Kognitive Assistenzsysteme:
Nutzung von Augmented Reality oder visuellen Leitsystemen wie Pick-by-Light zur Strukturierung von Arbeitsprozessen, insbesondere für Personen mit kognitiven oder neurologischen Einschränkungen. - Assistenz- und Servicerobotik:
Neben klassischen Exoskeletten zur allgemeinen Belastungsreduktion und Erweiterung des Handlungsspielraums kommen spezifische Modelle zur gezielten Entlastung der unteren Extremitäten und Gelenke zum Einsatz, die optional auch mit motorischer Unterstützung erhältlich sind.
Strukturierte Implementationspfade
Die Wirksamkeit Technischer Assistenz entsteht erst durch eine systematische Überführung in die betriebliche Praxis. Zentrale Voraussetzung ist ein integrierter Prozess, der technische, organisatorische und finanzielle Aspekte gleichermaßen berücksichtigt.
- Hilfsmittelerprobung: In realitätsnahen Settings werden geeignete Technologien getestet und iterativ an individuelle Anforderungen sowie betriebliche Abläufe angepasst.
- Fördermanagement: Die strukturierte Abklärung von Finanzierungsmöglichkeiten sowie die professionelle Begleitung von Förderanträgen reduzieren administrative Hürden und erhöhen die Umsetzungschancen.
- Implementierung: Die nachhaltige Integration umfasst technische Einbindung, Qualifizierung der Nutzer:innen und begleitende Evaluation im Arbeitsalltag.
Erst das Zusammenspiel dieser Schritte ermöglicht eine wirksame und dauerhafte Nutzung assistierender Technologien im Betrieb.
Fazit und Ausblick
Technische Assistenz markiert einen Paradigmenwechsel in der Arbeitsmarktintegration von Menschen mit Behinderungen. Weg von einer defizitorientierten Betrachtung, hin zu einer technologiegestützten Ermöglichung von Teilhabe.
Um diesen Weg zukunftsweisend weiterzugehen, strebt die Technische Assistenz eine strategische Zusammenarbeit mit der FH OÖ an. Die Hochschule startet im kommenden September mit dem neuen Studienzweig „Human Enhancement Engineering and Ethics“. Ziel dieser Kooperation ist es, durch den Einsatz modernster Technologien, welche die körperlichen Fähigkeiten des Menschen erweitern und gleichzeitig ethisch vertretbar sind, gemeinsam innovative Lösungen für die Herausforderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt zu entwickeln.
Durch die Verbindung von arbeitswissenschaftlicher Expertise, akademischer Innovation, individueller Bedarfserhebung und zukunftsfähigen Technologien entstehen neue Zugänge zu Tätigkeitsfeldern, die zuvor als nicht zugänglich galten. Gleichzeitig profitieren Unternehmen durch die Erschließung bislang ungenutzter Fachkräftepotenziale und die Positionierung als inklusive Arbeitgeber.
Der Erfolg dieses Ansatzes hängt maßgeblich von seiner ganzheitlichen Umsetzung ab. Von der bedarfsgerechten Hilfsmittelauswahl sowie einer sorgfältigen Erprobung über die Unterstützung bei der Finanzierung bis hin zur nachhaltigen Implementierung im Betrieb. Erst im Zusammenspiel dieser Komponenten entfaltet Technische Assistenz ihre volle Wirkung als Schlüssel zu einer inklusiven Arbeitswelt.